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Kritische Phase der Alkoholabhängigkeit
In dieser Phase fangen häufig die Angehörigen an, auf den ungesunden Alkoholkonsum hinzuweisen, was dann meist recht barsch von der trinkenden Person abgewiesen wird. Es kann auch zu Kontrollverlust kommen, das heisst, dass bereits nach einer kleinen Menge Alkohol im Körper ein Verlangen nach mehr entsteht. Man verträgt immer grössere Alkoholmengen, die Absenzen am Arbeitsplatz häufen sich unter Umständen, frühere Hobbies werden fallengelassen und überhaupt kreisen die Gedanken mehrheitlich um das Trinken und den Alkohol. ("Habe ich noch genug Vorrat?" "Hat wohl jemand etwas gemerkt?" "Nächste Woche trinke ich einmal nichts, das kann ich allemal!" usw.) Auf die erstmaligen Entzugserscheinungen folgt dann vielleicht die schockierende Erkenntnis, dass man den Alkohol definitiv nicht mehr im Griff hat.
Mit dem Beginn des Kontrollverlustes beginnt der oder die Abhängige, das Trinkverhalten zu erklären. Es werden die bekannten "Alkoholausreden" formuliert. Man findet Erklärungen dafür, dass die Kontrolle nicht verloren ging, sondern vielmehr ein guter Grund zum Trinken vorhanden war und man durchaus in der Lage ist, den Alkohol wie alle anderen zu geniessen. Die Erklärungen geben die Gelegenheit, weiter zu trinken. Das ist für Betroffene von grosser Wichtigkeit, denn sie kennen keine andere Möglichkeit zur Lösung der Probleme. Dies ist der Anfang eines ganzen "Erklärungssystems", das sich allmählich auf alle Ebenen des Lebens ausbreitet. Es dient als Widerstand gegen "soziale Belastungen", die jetzt entstehen: Eltern, Partner, Freunde und Arbeitgeber beginnen den Alkoholkranken zu tadeln und zu warnen. Trotz aller Erklärungen kommt es zu einem Verlust des Selbstwertgefühls. Das wird kompensiert durch die "übergrosse Selbstsicherheit nach aussen", die Betroffene an den Tag legen. Extravagante Verschwendung und grossspurige Reden überzeugen sie selbst, dass sie nicht so schlecht sind, wie sie manchmal gedacht haben.
Traten in der Voralkoholischen Phase zeitweise Gewissensbisse auf, entsteht jetzt eine "dauernde Zerknirschung" durch Schuldgefühle. Diese Belastung ist ein neuer Anlass zum Trinken. Dem sozialen Druck folgend, durchlaufen Betroffene jetzt "Perioden völliger Abstinenz". Man findet eine andere Methode das Trinken unter Kontrolle zu halten: Man glaubt, die Schwierigkeiten kontrollieren zu können, indem man sich bestimmte Regeln aufstellt. Man versucht, nicht vor einer bestimmten Tageszeit, nur an bestimmten Orten oder nur diese oder jene Alkoholart zu trinken. Die enorme Energieaufwendung in diesem Kampf schafft Feindseligkeit gegenüber der Umgebung und man beginnt Freunde "fallen zu lassen" und ev. Arbeitsplätze zu wechseln. Alle Gedanken konzentrieren sich auf den Alkohol. Abhängige richten den Tagesablauf darauf aus, wie Tätigkeiten das Trinken stören könnten, nicht wie das Trinken die Arbeit beeinflusst. Äussere Interessen gehen verloren und es entwickelt sich ein auffallendes Selbstmitleid. Ehepartner und Kinder, die den oder die Abhängige oft immer noch "decken" (Co-Alkoholismus), ziehen sich aus Angst aus dem gesellschaftlichen Leben zurück oder entwickeln im Gegenteil ausgiebige Aktivitäten, um aus dem häuslichen Umfeld zu entkommen.
Der oder die Abhängige versucht, sich einen ständigen Vorrat an Alkohol zu sichern. Das Fehlen von "Stoff" veranlasst abenteuerliche Beschaffungsversuche. Man legt Verstecke an unmöglichen Orten an (leerer Aktenordner, Werkzeugkiste, Blumenbeete, WC-Spülkasten). Es folgen die ersten Einweisungen in ein Krankenhaus wegen irgendwelcher alkoholbedingter Beschwerden (tiefe Depression, Bewusstlosigkeit, erosive Gastritis usw.). Eine von vielen organischen Auswirkungen ist der Verlust des Sexualtriebes. Gewissensbisse, Unwillen, Kampf zwischen Sucht und Pflichten, Selbstwertverlust, Zweifel und falsche Ermutigung haben den oder die Abhängige so weit zerrüttet, dass er oder sie den Tag nicht mehr ohne Alkohol kurz nach dem Aufstehen oder schon vorher beginnen kann. Es kommt zum regelmässigen morgendlichen Trinken.
Die kritische Phase ist gekennzeichnet vom heftigen Kampf des Kranken gegen den Verlust der sozialen Basis. Es gelingt, der Arbeit noch nach zu gehen, man bekommt aber zunehmend Schwierigkeiten. Die Familie wird vernachlässigt. Der moralische und körperliche Widerstand der Süchtigen gegen das drohende Unheil wird im Verlauf der kritischen Phase immer schwächer. Es wird dringend notwendig, etwas zu unternehmen, Hilfe zu organisieren, eine Therapie zu machen.
